Regimes und deren Kritiker liefern immer wieder dramatischen Filmstoff. In den letzten Jahrzehnten hat China einen Wandel von einer sozialistischen Wirtschaft zu einem rigiden kapitalistischen System vollführt. Im 21. Jahrhundert ist China damit zur mächtigsten Ökonomie aufgestiegen und holt auch technologisch immer mehr zu den Hitech-Nationen auf. Die Menschenrechtssituation ist allerdings nach wie vor verheerend, wenn das Regime auch kaum etwas nach außen dringen lässt. Es bedarf mutiger Menschen, wie den renommierten Konzeptkünstler Ai Weiwei, der sich immer wieder gegen das Unrecht stellt, anderen damit ein Vorbild ist und die Zustände offen anprangert, um die Hoffnung nicht zu verlieren. Diese Doku ist ein eindringliches Portrait, das all seinen Facetten als Persönlichkeit versucht, Rechnung zu tragen.
Menschenrechtsverletzungen und schreiendes Unrecht an der eigenen Bevölkerung bezeugen immer wieder, dass der größte Nationalstaat der Erde, der sich aus über 50 Ethnien zusammensetzt, in seiner Jahrtausende währenden Geschichte aber nie so etwas wie Demokratie erfuhr, was Werte wie Pressefreiheit, den uneingeschränkten Zugang der Bürger zu unzensierten Informationsmedien, das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst, gelinde gesagt, immer noch reichlich Nachholbedarf hat.
Wenn rebellierende Mönche in Tibet in die Steinzeit geprügelt werden und der Dalai Lama als Terrorist bezichtigt wird, schreibt der Westen meist nicht mehr als Protestnoten und vergibt an China obendrein noch Olympische Spiele. Ausbaden muss das die einheimische Bevölkerung. Damit die Fassade stimmt und die Prachtstraßen von Beijing modern und aufgeräumt erscheinen, werden links und rechts rücksichtslos ältere Behausungen abgerissen. Die Menschen, die plötzlich auf der Straße stehen und deren Existenz jäh zerstört wurde, werden in den seltensten Fällen entschädigt. Wer dagegen zu protestieren wagt, wird schnell mundtot gemacht.
Dennoch finden sich immer wieder mutige Menschen wie der Künstler Ai Weiwei, die es wagen, gegen dieses Unrecht anzugehen. Irgendeinen Weg gibt es immer: Selbst wenn das Regime alle Kommunikationskanäle kappt, reicht mitunter ein Smartphone, um zu Bloggen oder zu Twittern. Mitunter genügt eine Stimme des Wiedererstands, welche die anderen nicht vergessen lässt, dass es noch Hoffnung gibt: Dieses Land verschwendet die Hälfte seiner Energie darauf, die Menschen daran zu hindern, an Informationen zu kommen oder miteinander zu kommunizieren. Die andere Hälfte der Energie verschwendet es darauf, diejenigen von uns in Gefängnis zu stecken, die Zugang zu Informationen haben und versuchen, diese weiterzugeben. (Ai Weiwei/16.04.2010)
Die Filmemacherin Alison Klayman begleitete den international renommierten Konzeptkünstler drei Jahre mit der Kamera und liefert ein einzigartiges und eindringliches Portrait eines Mannes, dessen Kampf gegen das Regime in seinem Heimatland nie endet. Ungewöhnlich nah kommt die Regisseurin dabei dem Künstler wie dem Menschen zugleich und liefert zum Teil auch erstaunlich intime Einblicke in das (Privat)Leben Ai Weiweis. Dazu gehören Momente, die er mit seinem unehelichen Sohn verbringt, und eine Reihe von Interviews, darunter auch mit seiner Mutter, welche Klayman in Verlauf der Dreharbeiten führte.
Der Fokus liegt dennoch auf seinem Schaffen in seinem künstlerischen Alltag und in seiner Arbeit als politischer Aktivist, die sich nicht allein auf die Menschenrechtssituation beschränkt. Bereits die ersten Bilder des Films machen deutlich, dass die Ungerechtigkeiten in China ein vielfältiges Gesicht haben. Es beginnt schon damit, dass wie in jedem aufgeblähten Behörden- und Verwaltungsapparat, Korruption leicht um sich greifen kann. Geld versickert auf dubiosen Kanälen, das Resultat ist beispielsweise Pfusch am Bau: 2008 stellt Ai Weiwei Nachforschungen darüber an, warum in der Provinz Sichuan Schulgebäude aus Billigmaterial erbaut wurden, die anschließend bei einem Erdbeben wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen und die Kinder unter sich begruben. Beliebt bei der chinesischen Führung macht er sich damit jedoch nicht und die Staatsmacht beginnt aufmerksam seine Aktivitäten zu beäugen. 2009 kommt es zu einem brutalen Übergriff durch "Sicherheitsbeamte". Ai Weiwei wird schwer am Kopf verletzt, muss sich später einer Operation unterziehen.
2011 verschwindet Ai Weiwei plötzlich von der Bildfläche. Weltweit regt sich Protest, die chinesische Führung schweigt sich aus. Dann, nach drei Monaten taucht er wieder auf; redet aber lange nicht über das, was ihm zwischenzeitlich widerfahren ist. Seit dieser Zeit sitzt er überdies in Hausarrest, dennoch bleibt er ein Symbol für den lebendigen Widerstand. Ai Weiwei: Never Sorry ist das längst überfällig Portrait eines außergewöhnlichen Menschen, der sich mutig gegen ein System stellt, das jegliche Individualität auszulöschen sucht. Davon kann es gar nicht genug geben.