Actionthriller vor einem realen Hintergrund können ganz leicht daneben gehen. Die realistische Kulisse, die für die nötige Dramatik sorgen soll, wird vernachlässigt und damit zur Farce. Oder sie nimmt soviel Raum ein, dass der Thriller hinter der Tragödie nicht mehr funktioniert. Wie beides im Gleichgewicht funktioniert, demonstriert ein Festivalhit aus Venezuela.
Der skrupellose Parca ist Profikiller in Caracas. Als seine schwangere Jugendliebe Ladydi während eines landesweiten Ärztestreiks angeschossen wird, stürmt er mit seiner Gang ein Privatkrankenhaus, bringt die anwesenden Ärzte und Patienten in seine Gewalt und verlangt medizinische Hilfe. Es dauert nicht lange, bis Polizei und Medien darauf aufmerksam werden. Um die Situation unter Kontrolle zu bringen, stellt Parca der Öffentlichkeit ein ungewöhnliches Ultimatum. Für jeden kranken Armen, der in die Klinik kommt und sich gratis behandeln lässt, wird eine Geisel freigelassen.
Regiedebüt für einen bisherigen Werbe- & TV-Regisseur, Schauspieldebüt für einen Hip-Hop-Star, das alles auch noch aus Venezuela. Nicht vieles an diesem Film wirft einen beim Lesen in ungeduldige Begeisterungsstürme. Doch tatsächlich lohnt es sich, einen Blick und 98 Minuten Zeit zu riskieren. Diego Velasco hat seinen Spielfilmerstling visuell beeindruckend umgesetzt, der Rapper Zapato 666 liefert eine eindrückliche Performance ab und Erzählung sowie Inszenierung sind rasant und spannend. Dabei ist es ganz besonders die Grundidee, die voll und ganz überzeugen kann.
Der brutale Gangster, der zum Helden der armen Bevölkerung wird, weil er die Missstände im Land aufzeigt und untergräbt. Das Szenario ist außerdem mehr als glaubwürdig, vor allem bei der aktuellen Wirtschaftsentwicklung. Und dass die Reichen es sich gut gehen lassen, während die Armen dahinsiechen, ist ein Zustand, der noch um einiges älter ist. Doch das wirkliche Meisterstück von Velasco ist, dass er keine moderne Robin-Hood-Geschichte erzählt. Es ist nicht so, dass der brutale Mörder beginnt, beim Anblick eines Neugeborenen weich zu werden und sich schließlich zahm geworden ergibt. Parca und seine Gefährten bleiben den gesamten Film über brutale Gangster. Und jedes Mal, wenn sie einem gerade sympathisch werden könnten, zeigen sie sofort, dass sie es nicht wert sind.
Während die Situation an vielen Ecken immer mehr eskaliert, werden nicht nur innerhalb des umstellten Gebäudes persönliche Kämpfe ausgetragen. Auch auf Seite der Gesetzeshüter gibt es das eine oder andere schwarze Schaf. Wer genau hier Dreck am Stecken hat, wird Stück für Stück preisgegeben, weswegen auch der Plot einen durchweg fesseln kann. The Zero Hour ist ein spannender und atmosphärischer Thriller, der trotz seines überdrehten Musikvideostils jederzeit glaubhaft und ernst bleibt. Hier und da scheint die vielschichtige Story hinter zuviel Action oder krampfhafter Rasanz etwas in den Hintergrund zu rücken, aber am Unterhaltungswert des Films ändert das nichts.