Mit Guilty of Romance schließt Shion Sono, einer der bedeutendsten Gegenwartsregisseure Japans, seine Hate-Trilogie ab. In seinem Film, der von einer biederen Frau handelt, die sich in einem geheimen Doppelleben in Pornos und in der Prostitution zügellos Männern hingibt, solange der Preis stimmt, entführt Sono in eine surreale Welt aus Dominanz und Unterwerfung, Sex und Gewalt sowie Wollust und Doppelmoral. Sonos Werk ist ein exzessiver Trip durch die menschliche Seele geworden, der zudem einen zynischen Blick auf den Zustand der japanischen Gesellschaft wirft. Das birgt viel Zündstoff, allerdings entgleitet die Inszenierung atmosphärisch zuweilen und lässt final auch zu viele Fragen offen.
Zeitgenössische japanische Filme gelten als äußerst experimentierfreudig, zuweilen sogar weit über jegliche Schmerzgrenzen künstlerischer Ästhetik hinaus. Gewalt kommt dabei fast immer als zentrales Stilmittel vor, und zuweilen wird das Spiel damit ebenfalls bis an Grenzen (lustvoller) Verherrlichung getrieben. Mit einem Wort ließe sich das japanische Kino als exzessiv beschreiben. Shion Sonos Guilty of Romance fügt sich maßgenau in dieses Schema ein.
Izumi (Megumi Kagurazaka) ist eine liebevolle Ehefrau, die sich ihrem Mann, einem erfolgreichen Autor von Liebesschnulzen, traditionsbewusst unterordnet. Großen Dank oder ausgesprochene Liebesbekundungen erntet sie dafür schon lange nicht mehr. Das Feuer in der Ehe scheint weitgehende erloschen. Zumindest gestattet Izumis Gatte ihr, dass sie einer Arbeit nachgeht. In einem Supermarkt steht sie tagein, tagaus und preist extra große Würstchen an. Eines Tages wird sie überraschend von einer Frau angesprochen, die vorgibt, für eine Modelagentur zu arbeiten und mit Izumi ein Fotoshooting machen zu wollen. Das Shooting verläuft aber völlig anders als Izumi sich vorzustellen wagte.
In Wirklichkeit handelt es sich um einen Pornodreh. Und obwohl Izumi sich anfänglich dagegen sträubt, lässt sie schlussendlich alles über sich ergehen. Tief in ihrem Inneren scheint sie im Anschluss sogar etwas wie lange nicht gekannte Befriedigung zu verspüren. Dieser Tabubruch lässt sie neue Seiten in sich entdecken und macht sie auf eine merkwürdige Weise überraschend selbstbewusst. Plötzlich entdeckt sie darüber hinaus auch, dass sie einen Wert besitzt, und sei es der ihres sinnlichen Körpers, den ihr Mann, samt dem Sex mit ihr, schon lange als reine Selbstverständlichkeit ansieht. Schnell wird sie von diesem Strom der Selbsterfahrung und der Lust mitgerissen. Mit ihrem Filmpartner aus dem Pornodreh beginnt sie sogar eine heiße Affäre, ohne aber zu ahnen, worauf sie sich damit einlässt. Tiefer und tiefer rutscht sie in eine Welt, deren Regeln sie nicht versteht, bis sie sich plötzlich in der Prostitution wieder findet.
Auf der Straße lernt sie Mitsuko (Magoto Togashi) kennen. Eine merkwürdige Frau, die aus einer angesehenen Familie stammt und tagsüber als Literaturprofessorin an der Universität unterrichtet. - nachts jedoch sich wildfremden Männern für Bares hingibt. Für Izumi wird sie zu einer Art Mentorin und Führerin durch die Dunkelheit. Mitsuko lehrt sie, dass alle Dinge ihren Preis haben, und sie sich gerade als Hure ihres Wertes bewusst sein muss. Parallel dazu verläuft in Guilty of Romance, der in fünf Kapitel unterteilt ist, ein weiterer Handlungsstrang auf einer leicht verschobenen Zeitlinie, der sich mit der Geschichte von Izumi und Mitsuko aber erst zum Finale hin verweben soll. Darin untersucht die Polizeiermittlerin Kazuko (Miki Mizuno) einen bizarren Mordfall, bei dem eine Frau auf bestialische Weise zerstückelt und mit Teilen einer Schaufensterpuppe zu einer Art bizarrem Kunstwerk wieder zusammengesetzt wurde.
Shion Sono wirft einen schrägen Blick, der durchsetzt ist von boshaft-makaberer Komik, auf den Zustand der japanischen Gesellschaft und schließt mit diesem Film seine Hate-Trilogie ab; deren erste beiden Teile Love Exposure und Cold Fish waren. In einer seltsamen Mischung mit leicht psychedelischer Bildästhetik aus Episoden-Film, Krimi, Softporno-Drama und schwarzhumorigem Antimärchen hält er einer männerdominierten Kultur den Spiegel vor. Frauen wird bis heute in der ebenso biederen wie puritanischen japanischen Gesellschaft, die sich nach Außen hin gerne als "porentief clean" darstellt, wenig Wertschätzung zuteil. Es mutet dann geradezu grotesk an, dass sich eine Frau der bezahlten Fleischeslust hingeben muss, um sich selbst (neu) zu entdecken und zu lernen, dass sie einen Wert besitzt.
Mit überaus drastischen Bildern arbeitet der Regisseur, um dieses zu verdeutlichen. Allein die expliziten Sexszenen bergen reichlich Zündstoff in sich. Ist das japanische Arthouse-Kino doch eher prüde ausgerichtet und alles Sexuelle aus dem öffentlichen Leben der Japaner ohnehin weitgehend ausgeklammert. Dass Sono zum Kontrast noch eine gehörige Portion - wenn auch einer sehr schrägen Form - von Humor einfließen lässt, um dies alles nicht als die pure Anklage dastehen zu lassen, muss allerdings erstmal entdeckt werden. Szenen, wie die im Supermarkt, während der Izumi mit Inbrunst extra dicke Würstchen anpreist, sprechen jedoch Bände.
Insgesamt gelingt mit Guilty of Romance der Blick in viele Tabubereiche, sowohl in den Köpfen der Bewohner als auch der Kultur Nippons. Ein wenig erinnert der Film damit an Hollywood-Streifen wie American Beauty, in dem die Bigotterie und Doppelmoral des amerikanischen Kleinstadtbürgers an den Pranger gelangte. Leider weist Sonos Film allerdings auch viel hysterische Theatralik auf, die abhängig vom Kunstbegriff zwar jeder auf die eine oder andere Weise für sich bewerten mag, der (Suspense-)Atmosphäre insgesamt jedoch abträglich ist. Zudem werden viele Nebenplots nicht sauber zu Ende geführt, was die Logik des Krimianteils in der Schlussabrechung unvollkommen wirken lässt und das Publikum final durchaus mit einigen Fragen entlässt.