Obwohl er alle religiösen Gebote einhält, wie die rituellen Waschungen im Ganges und die Gebete, kommt Siddhartha der Erleuchtung nicht näher. Er verlässt seine Eltern und begibt sich auf eine lange Reise. Viele Wege wird er begehen, um am Ende festzustellen, dass alles irgendwann zurückkehrt. Nach 1997 gelangt Conrad Rooks Siddhartha-Verfilmung nach dem gleichnamigen Roman Hermann Hesses zum 50. Todestag des Nobelpreisträgers noch einmal in die Kinos. Von bescheidener technischer Qualität, aber mit vielen ansprechenden visuellen Eindrücken und durchdrungen von ostasiatischer Spiritualität und Weisheit, wird der Film vermutlich nur eine überschaubare Zahl von Cineasten erreichen.
In den 1960ern und noch stärker in den 1970ern keimte im Westen eine nie zuvor gekannte Sehnsucht nach fernöstlicher Weisheit auf. Für viele junge Menschen wurden diese Philosophien eine Zuflucht in einer Zeit des Imperialismus, des Krieges in Vietnam, der mit all seinem Grauen als mediale Schlacht in die Öffentlichkeit getragen wurde, und des stetig drohenden atomaren Holocausts. In ihrer Sinnsuche wandte sich eine ganze Generation auch den Werken von Autoren zu, die sich schon lange zuvor mit der östlichen Lehre auseinandergesetzt hatten. Der Nobelpreisträger Hermann Hesse (1877-1962), der selbst in Indien gelebt hatte und in seinen Werken oft Motive der christlichen Mystik mit dem Daoismus verschmolz, erlebte insbesondere bei der US-amerikanischen Jugend ab den 1960ern einen außergewöhnlichen Boom. Die Verfilmung seines Romans Siddhartha gelangt nun zum 50. Todestag des Schriftstellers noch einmal ins Kino.
Im Mittelpunkt dieser Geschichte, die im Indien des 6. vorchristlichen Jahrhunderts angesiedelt ist, steht der junge Brahmane (Angehöriger der Priesterkaste) Siddhartha (Sashi Kapoor). Er verlässt seine Eltern, um sich auf die Suche nach Antworten über das Daseins und den Weg, der zur Erleuchtung führt, zu machen. Zu Beginn begleitet ihn noch sein Freund Govinda. Zusammen gehen sie bei den Sadhus (heilige Männer) in die Lehre, üben sich in Meditation, Enthaltsamkeit und Askese. Siddhartha findet dort aber nicht die Antworten, nach denen er sich sehnt, und verlässt die Gruppe. Auf seiner Suche nach Erkenntnis streift er durchs Land. Es vergehen viele Jahre und Siddhartha wird viele Wege begehen und Erfahrungen sammeln müssen, bis er zu ahnen beginnt, dass alles Suchen und Streben nicht der wahre Weg sein kann, da alles Suchen und Streben ihn am Irdischen festhalten lässt.
In einer vereinfachten Form zeichnet der Film eine Lebensgeschichte nach, die sich stark an die des historischen Buddha (Siddhartha Gautama) anlehnt; durch die gewollte Vereinfachung aber vielleicht sogar leichter zugänglich ist, als die eigentliche Geschichte und Lehre. Im Kern steht die Sinnsuche des Individuums und die vielen (Irr)Wege, die es begehen muss, um letzten Endes zu sehr einfachen Erkenntnissen zu gelangen, die Außenstehende möglicherweise als Erleuchtung ansehen. Der 1997 in Deutschland uraufgeführte Film wurde bereits 1972 produziert und mit recht puristischen Mitteln umgesetzt. Dementsprechend geringe Ansprüche an Bild- und Tonqualität sollten gestellt werden. Gedreht an Schauplätzen in Nordindien wie der Pilgerstadt Rishikesh und auf den Ländereien sowie dem Palast des Maharadscha von Bharatpur liefert er dennoch einige sehr inspirierende Bilder von Landstrichen, in denen schon die Beatles auf "Erleuchtungspfaden" unterwegs waren.
Als Einstieg in oder als Wegweiser durch die mystische Welt Asiens eignet sich der Film aber nur bedingt. Zuviel Wissen wird dem unbewanderten Zuschauer abverlangt, der sich bisher mit ostasiatischen Philosophien nicht beschäftigte. Erläuterungen zu vielen Begrifflichkeiten bleiben komplett aus. Was "Brahmanen", "Samanen" und andere sind, was "Samsara" und "Atman" bedeuten und was die indische Lehre eigentlich als Erleuchtung ansieht, wird nicht wirklich erklärt. Schon 1997 richtete sich der Film eher an die Kenner der literarischen Vorlage oder solche, die mit der Materie bereits vertraut waren. Siddhartha ist damit schlichtweg zu speziell, um irgendwie massentauglich sein zu können, obschon diese Lehre in Indien natürlich eine Massenlehre ist.
Sinnsuche und das Streben nach Erkenntnis sind für jede Generation zentrale Themen. Woher wir kommen, wohin wir gehen und was der Grund unseres Daseins ist, fragt sich vermutlich jeder Mensch einmal, ganz gleich, ob er im Osten oder im Westen lebt. Dennoch ist unsere Gesellschaft heute eine andere als in den 1970ern. Sie ist schneller, oberflächlicher, fluktuativer und richtet auch ihr Bedürfnis nach Spiritualität nach den Konsumregeln einer Verbrauchs- und Wegwerfgesellschaft mit Supermarktmentalität aus. "Buddha-Light" scheint die Devise zu lauten, am besten mit Wellness-Charakter. Dementsprechend schwer wird es für Siddhartha werden, ein neues Publikum zu gewinnen.