Ein Hai, der auf einem Rachefeldzug gegen eine Familie ist, wie kann man sich nur so etwas ernsthaft ausdenken? Ohne sich auch nur im Ansatz für das Ansehen der einst von Steven Spielberg so ambitioniert begonnen Reihe oder wenigstens für eine Spur von Logik zu interessieren, verwurschtelt Joseph Sargent hier ein paar Anspielungen an die Vorgänger mit der Handlung des zehn Jahre zuvor erschienenen Orca - Der Killerwal und einer oberflächlichen Liebesgeschichte. Im Zusammenspiel mit den furchtbar schlechten Effekten ergibt das unterm Strich einen filmischen Tiefpunkt des Tierhorror-Genres.
Mit Orca - Der Killerwal schuf Michael Anderson einen zwar berührenden, aber in erster Linie doch recht albernen Film, in welchem ein Wal sich einen Plan zurechtlegt, um sich an dem Mörder seiner Frau und seines Kindes zu rächen. Genau diese Prämisse nahmen Drehbuchautor Michael De Guzman und Regisseur Joseph Sargent zum Ausgangspunkt ihrer Handlung in Der Weiße Hai - Die Abrechnung. Doch leider ohne dabei das Original hinreichend verstanden zu haben. Denn Andersons Film konnte der albernen Ausgangslage immerhin viel Gefühl und eine transportierte Umweltbotschaft entgegensetzen.
Dies alles findet man bei Sargents Film nicht. Emotionen werden so gut wie keine transportiert, selbst der Tod Seans zu Anfang wird recht bald abgehakt. Auch die Liebesgeschichte zwischen Ellen und Hoagie bleibt nur auf dem Emotionsniveau einer Seifenoper. So kann man sich in erster Linie auf die Handlung konzentrieren, die mit Sicherheit jedem, der dem Kindergartenalter entwachsen ist, völlig bescheuert vorkommen wird. Wurde das Tierchen in Der Weiße Hai von Richard Dreyfuss noch zur reinen Schwimm- und Fressmaschine erklärt, wird der Hai hier plötzlich zu einem "dunklen Rächer", der sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hat, die gesamte Familie Brody auszulöschen.
Warum sich der Hai das Ziel gesetzt hat, erfährt man nicht. Ein Hai aus den anderen Teilen kann es allerdings ja schon einmal nicht sein - immerhin hat kein Hai je einen der Filme überlebt. Woher weiß der Hai, wo die Brodys leben, wie sie aussehen und was sie arbeiten? Sean und Michael haben sich schließlich nach Der Weiße Hai 3 komplett neue Jobs gesucht und Ellen wird ihn auch nicht von ihrem Umzug unterrichtet haben. Und die wichtigste Frage, warum der Hai so gut über die Beziehungen von Ursache und Wirkung in der menschlichen Zivilisation Bescheid weiß, erklärt auch niemand. Doch wahrscheinlich sind diese Fragen für einen geistig gesunden Menschen auch nicht vernünftig zu beantworten.
Die Effekte befinden sich ebenfalls auf dem Niveau der dünnen Geschichte und stellen dabei die offensichtlich recht günstig produzierten Effekte von Der Weiße Hai 3 in den Schatten. Die unbewegliche Hai-Attrappe, Haiangriffe, die furchtbar dilettantisch in Szene gesetzt wurden, und eine Handvoll unspektakulärerer Unterwasseraufnahmen - selten war eine goldene Himbeere für schlechte Effekte derart gerechtfertigt wie hier.
Trotz sichtlicher Anstrengung des Casts will hier einfach keine Emotion überspringen. Die Darsteller um Charaktermime Michael Caine (The Dark Knight Rises) und Lorraine Gary, die bereits in Der Weiße Hai und Der Weiße Hai 2 als Ellen Brody zu sehen war, bemühen sich redlich. Dennoch können sie nichts gegen die alberne Handlung und ihre eindimensionalen Charakterisierungen entgegensetzen.
Hätte man das Ganze wenigstens mit einem Augenzwinkern präsentiert, wäre Der Weiße Hai - Die Abrechnung vielleicht noch als unterhaltsamer Trash durchgegangen. Doch leider meint es Joseph Sargent mit seinem Film über einen Hai auf Rachefeldzug völlig ernst. Unterm Strich bietet diese dritte Fortsetzung gar nichts außer dem wehmütigen Gefühl, dass man hier eine ambitionierte Filmreihe völlig in den Sand gefahren und einen talentierten Cast sinnlos verschwendet hat.