Die pensionierten Musikprofessoren Georges (Jean-Louis Trintignant, Drei Farben - Rot) und Anne (Emmanuelle Riva, Familientreffen mit Hindernissen) führen in Paris trotz ihres Alters um die Achtzig ein selbstständiges Leben. Dann erleidet Anne einen Schlaganfall und driftet in die Pflegebedürftigkeit ab - ein Zustand, der ihren Mann mehr und mehr überfordert. Michael Hanekes preisgekröntes Drama ist wie ein Besuch bei Verwandten im Altersheim: häufig schwer zu ertragen und dennoch absolut empfehlenswert.
Der in München geborene österreichische Filmemacher Michael Haneke macht es seinem Publikum nicht immer leicht. Im 1997 gedrehten Funny Games mit den tragisch verstorbenen Ulrich Mühe und Susanne Lothar in den Hauptrollen zeigt er schonungslos Gewalt nicht primär in seiner bloßen Anwendung, sondern als Androhung. Zwei Einbrecher bringen eine dreiköpfige Familie sprichwörtlich in ihre Gewalt und spielen sowohl mit ihren schlimmsten Befürchtungen als auch mit denen des Zusehers. Der 2009 erschienene mit Lob und Preisen überschüttete Film Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte zeigt am Beispiel einer Gruppe dörflicher Heranwachsender kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs den Nährboden einer faschistischen Ideologie.
Wie der Vorgänger ist nun auch Liebe bei den renommierten Filmfestspielen von Cannes mit dem Hauptpreis, der Goldenen Palme, ausgezeichnet worden. Wieder hat Haneke einen Film geschaffen, der viele abschrecken und die wenigsten kalt lassen wird. Inspiriert durch Erfahrungen mit der eigenen Familie erzählt der Regisseur zwei Stunden lang vom Dahinvegetieren: qualvoll, weil äußerst langsam, beschreitet seine weibliche Hauptfigur den Weg des Sterbens, nachdem die rüstige Rentnerin zur Verzweiflung ihres aufopferungsvollen Mannes von einem Moment auf den nächsten durch einen Schlaganfall aus ihrem Alltag gerissen wird.
Schon zu Handlungsbeginn lässt Haneke keinen Zweifel daran aufkommen, dass etwas Schlimmes passieren wird. Die Feuerwehr verschafft sich Zutritt in eine verbarrikadierte Pariser Altbauwohnung, Verwesungsgeruch schlägt den Männern entgegen. Im Bett finden sie, wie für eine Beerdigung vorbereitet, die Leiche einer älteren Frau. Es ist Anne, die in einer Rückblende mit Ehemann Georges bei einem Klavierkonzert ihres ehemaligen Schülers Alexandre (gespielt von dem bekannten französischen Pianisten Alexandre Tharaud) zu sehen ist. Ein wenig zerbrechlich wirken die beiden, angesichts ihres hohen Alters nicht verwunderlich, doch insgesamt äußerst selbstständig. Beim Frühstück am nächsten Morgen jedoch blickt Anne plötzlich minutenlang ins Leere - und kann sich hinterher nicht mehr daran erinnern. Ein Martyrium beginnt.
Besorgt aus der Ferne beobachtet von ihrer in London lebenden Tochter Eva (Isabelle Huppert, Die Klavierspielerin aus dem gleichnamigen Haneke-Film von 2001) beschließt Georges, auf die Unterstützung raubeiniger Pflegerinnen zu verzichten und sich selbst um die Liebe seines Lebens zu kümmern. Sein widerwillig erteiltes Versprechen nach einer missglückten Operation, sie nicht mehr ins Krankenhaus zu bringen, erweist sich als fatal. Mit Anne geht es stetig bergab und Georges Kraft bröckelt.
Haneke lässt sich in Liebe viel Zeit, um menschliche Urängste vor dem Zerfall der eigenen Existenz auf die Leinwand zu bannen. Am Schauplatz des kammerspielartigen Werks, eine weitläufige Wohnung, lässt er in langen Einstellungen die Kamera häufig bewegungslos stehen, mal läuft das Ehepaar aus dem Bild und ist nur zu hören, mal ist sekundenlang die von Unbehagen erfüllte Miene Alexandres zu sehen, der seine alte Lehrerin besucht. Es ist nur eines von vielen Symbolen.
In einigen der bemerkenswertesten Minuten des Films verlässt Haneke jedoch seine Linie, springt in schnellen Schnitten zwischen Anne und Georges hin und her, zeigt den Ausdruck ihrer Gesichter. Dieser fesselnde Moment relativ zu Beginn von Liebe ist ein Vorgeschmack. Die schauspielerischen Leistungen von Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva sind meisterhaft. Sie machen Hanekes Neuesten zu einem Werk, das unter die Haut geht.