Tim Burton mag es düster und gruselig. Mit seinem neuen Stop-Motion-Film Frankenweenie beweist er das aufs Neue, doch die Zusammenarbeit mit Disney hinterließ ihre Spuren. Der Film ist unentschieden, die Mischung aus Horror und Familienfreundlichkeit will sich nicht so recht zusammenfügen. Außerdem wird auch deutlich, dass der bereits bestehende Kurzfilm künstlich erweitert wurde. Der Außenseiter Victor erweckt seinen kürzlich verstorbenen Hund Sparky zu neuem Leben und ist der klare Sympathieträger zwischen all den überzeichneten Charakteren. Allerdings fehlt die Moral der Geschichte. Für einen Filmhit hapert es einfach an zu vielen Stellen.
Victor hat ein Faible für Wissenschaft und Technik. Während sich seine Eltern wünschen, dass er mehr Zeit mit Freunden verbringt, reicht dem introvertierten Jungen sein lebhafter Hund Sparky als Freund. Am liebsten beschäftigt er sich mit allerlei Experimenten auf dem Dachboden. Doch dann stirbt sein geliebter Hund bei einem Autounfall. Victor ist untröstlich, doch schöpft er neue Hoffnung, als der neue Physiklehrer im Unterricht ein Experiment vorführt: Mittels Strom wird ein toter Frosch zu neuem Leben erweckt. Victor kann in seiner tiefen Trauer nicht anders, als das gleiche mit seinem Sparky auszuprobieren. Kurzerhand gräbt er seinen Hund aus und holt den Leichnam vom Friedhof heimlich nach Hause. Das Wagnis gelingt tatsächlich: Sparky erwacht zu neuem Leben. Nun hat Victor ihn zwar zurück, aber das Problem, dies geheim zu halten. Leider sieht es der neugierige Hund nicht ein, sich den lieben langen Tag auf dem Dachboden zu verstecken.
Wenn Tim Burton einen Film dreht, dann ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass er eher düster ausfällt. Werke wie Edward mit den Scherenhänden, Nightmare Before Christmas und Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche sind beste Beispiele dafür. Da verwundert es zunächst, dass ausgerechnet dieser Tim Burton mit Disney zusammenarbeitet, dem Imperium, das besonders viel Wert auf familienfreundliche Happy-End-Filme legt. Doch das Projekt Frankenweenie hat eine längere Vorgeschichte: Nach seinem Animationsstudium arbeitete Burton in den 80er Jahren bereits für Disney, doch seine Figuren und Ideen waren dem Arbeitgeber zu düster, um einen Platz in Serien oder Filmen zu finden. 1984 drehte Burton schließlich den Stop-Motion-Kurzfilm Frankenweenie, als Hommage an den Film Frankenstein. Doch das Ergebnis überzeugte Disney nicht - erneut lag es an der Düsterheit. Doch nun, viele Jahre später, hat es sich der US-amerikanische Medienkonzern anders überlegt und unterstützte Burton dabei, aus dem Kurzfilm einen Kinofilm zu machen.
Das Ergebnis kommt nun ins Kino und ist ein knapp 90-minütiger IMAX-3D-Schwarz-Weiß-Stop-Motion-Film rund um Victor und seinen Hund Sparky, den er wieder zum Leben erweckt. Um den ursprünglichen Kurzfilm zu verlängern, geht die Geschichte noch weiter, allerdings merkt man auch genau, wo der Kern endet und die Erweiterung beginnt. Der Film spaltet sich dadurch gewissermaßen in zwei Teile: die Hommage an Frankenstein und das etwas zu gesättigte Spektakel, das viele Wesen aus der Monster- und Horrorwelt heranzieht. Auch wenn der Film insgesamt ganz amüsant ist, wird laufend deutlich, welcher Konflikt außerhalb bestand: Tim Burton ging Kompromisse für Disney ein, und Disney ging Kompromisse für Burton ein. Herausgekommen ist ein Animationsfilm, der für Disney-Verhältnisse ziemlich düster und unheimlich ausfällt, sowie für Burton-Verhältnisse zeitweise sehr brav und harmonisch daherkommt.
Die Figuren sind zum Teil arg überzeichnet, vor allem die Klassenkameraden von Victor. Während er und seine Familie eher unauffällig und dauerhaft melancholisch auftreten, haben die anderen Kinder vor allem skurrile Grimassen mit fratzenhaften Mündern, riesigen Augen oder überdimensionierten schiefen Zähnen. Hier wird die Zweiteilung des Filmes auch visuell deutlich - ob beabsichtigt oder nicht, sei dahingestellt. Deutlich wird jedoch, dass Burton ein Faible für Außenseiter hat. Denn der einsame und oft verhöhnte Victor bleibt unter all den überzeichneten Fratzen der sympathischste. Was ihm wiederfährt, ist natürlich eine fantastische Geschichte. Dennoch sucht man auch hier zwangsläufig die Moral, die Quintessenz, die sich jeder daraus ableiten kann. Aber genau daran hapert es, denn auch das Ende des Filmes (was an dieser Stelle natürlich nicht im Detail verraten wird) scheint so sehr von Kompromissen durchzogen, dass es einer klaren Linie des Filmes widerspricht.
Frankenweenie ist keine totale Enttäuschung, sondern durchaus unterhaltsam. Aber irgendwie will der Funke nicht so recht überspringen. Die zahlreichen Anspielungen auf bekannte Horrorfiguren sind nett, aber kommen gegen Ende so gehäuft, als müssten sie möglichst schnell abgehakt werden. Die eigentliche Geschichte rund um Victor und die Wiederbelebung seines Hundes Sparky ist davon abgetrennt, erscheint ganz niedlich, aber in letzter Instanz auch nicht allzu konsequent. Für einen Langfilm fehlte offensichtlich der Stoff, dazu kommen noch düstere Burton-Elemente und die freundlicheren Disney-Elemente, die sich nicht so richtig zu einem homogenen Ganzen zusammenfügen wollen. Das lässt den Film nur auf einem durchschnittlichen Level wandeln und zeigt auch, dass Tim Burton bei seinen Filmprojekten besser auf eigenen Beinen steht, damit er all seine Ideen so umsetzen kann wie gedacht.