Es ist ganz einfach: Nach der Krise folgt der Aufschwung. Auch immer öfter in der Filmbranche. Nach überwundener Krise präsentierte Kim Ki-duk in Venedig seinen 18. Film und erhielt sogleich den Goldenen Löwen. Vielleicht etwas zu viel der Ehre, aber sein Rache-Drama ist dennoch unterhaltsam, gut gespielt und stellenweise sogar tiefsinnig.
Inzwischen scheint es en vogue zu sein, als angesehener Regisseur eine Schaffenskrise zu durchleiden und sie in einem Film zu verarbeiten. So geschehen bei Lars von Trier vor Antichrist und auch der südkoreanische Auteur Kim Ki-duk erlitt vor drei Jahren eine Sinnkrise. Diese verarbeitete, beziehungsweise begleitete er zuvor schon in Arirang - Bekenntnisse eines Filmemachers, während Pieta nunmehr für einen Neubeginn stehen soll. Und ähnlich wie beim dänischen Kollegen wurde auch Kims Low Budget Film - die Kosten betrugen lediglich rund 100.000 Euro - mit Lob überschüttet. Zumindest bei den 69. Filmfestspielen in Venedig, wo Pieta mit dem Goldenen Löwen prämiert wurde.
Jury-Vorsitz Michael Mann erklärte, Kims 18. Film "verführe einen visuell", was so falsch schon mal nicht ist. Dabei ist Pieta prinzipiell durch und durch koreanisch, sowohl was den Inhalt als auch die Inszenierung angeht. Es wird viel gejammert, geschrien und gestöhnt in dieser Geschichte, der ein Racheprinzip zu Grunde liegt. Oberflächlich betrachtet erzählt Kim eine revenge story, ausgelöst durch einen emotionslosen Anti-Helden in Person von Gang-do. Als Waisenkind groß geworden, treibt er für einen Geldhai Schulden ein und schlägt dabei auch mal die Schuldner zu Krüppeln, um das Geld zu kriegen.
So weit, so bekannt. Eine Richtungsänderung kündigt sich an, als mit Mi-son eine unbekannte Frau das Leben von Gang-do betritt und erklärt, sie sei seine Mutter. Widerstrebend taut der rabiate Geldeintreiber gegenüber der Frau auf, die die Schuld von Gang-dos Handeln auf sich nimmt und diesen letztlich in gewisser Weise von seinem Job und dem, was dieser mit sich bringt, erlöst. Hier zeigen sich dann die eigentlichen Themen in Kims Drama: Kapitalismus und Mitleid. Letzteres darf hier im doppelten Sinn verstanden werden, beginnt Gang-do doch, seine Schuldner - in positiver Weise - zu bemitleiden, während Mi-son wiederum mit ihrem Sohn, den sie als Knecht des Kapitals sieht, mitleidet. Das Geld, so Kim, ist ein dritter Akteur.
Dennoch holt der Südkoreaner hier nie zum Rundumschlag gegen das System aus, wie auch die christlichen Motive nicht Überhand nehmen. Pieta ist zuerst und vor allem ein Rache- und Läuterungsdrama. Natürlich lässt sich das Geschehen um Gang-do auch in bester Hook-Manier so lesen, dass jeder nur eine Mami braucht, die einen liebhat, um nicht böse zu werden. Im Fall von Gang-do braucht es womöglich nur jemanden, dem man kein Leid zugefügt sehen möchte, um selbst anderen kein Leid zuzufügen. Getreu dem Motto: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Eine Botschaft, die der Waise erst lernen muss und im Laufe des Films anschließend in die Tat umzusetzen beginnt.
Ganz so kindlich-friedlich kommt das Geschehen natürlich nicht daher, sowohl Gang-dos Arbeitsweise als auch die Annäherung an seine Mutter verfügen über genug Potenzial, den gewöhnlichen Kinozuschauer leicht zu verstören. Der Low-Budget-Aspekt führt allerdings dazu, dass einiges abseits des Bildrahmens geschieht, was ungleich effektiver und der ganzen Geschichte letztlich auch zweckdienlicher ist. Getragen wird Pieta dabei von der Leistung seiner beiden Hauptdarsteller Lee Jung-jin und Jo Min-soo, die sich nichts schenken und von denen besonders Jo in Erinnerung bleibt. Wenn es für solche Filme tatsächlich nur einer Schaffenskrise bedarf, dürfen auch Spielberg, Scorsese und Co. bald mal eine erleiden.