Nach dem plötzlichen Tod seiner deutlich jüngeren Frau Tanja bittet der Papierfabrikant Miron seinen Mitarbeiter und Freund Aist, ihn bei Tanjas letzter Reise zu begleiten. Gemeinsam begeben sie sich unter den Klängen psychedelischer Musik auf den Weg zu einem Fluss ins nördliche Wolga-Gebiet, wo sie den Leichnam verbrennen und dem Wasser übergeben wollen. Aleksei Fedorchenkos Werk gewann bei den Filmfestspielen von Venedig unter anderen den Preis für die beste Kamera. Der Titel des russischen Films ist dabei Programm.
Er ist ein stiller einsamer Zeitgenosse, dieser Aist (Igor Sergeyev). Aber das passt zu dem mystischen ausgestorbenen Volk, das der Regisseur auferstehen lässt und Aist zu einem der ihren erklärt: die Merja. In Neja, einer kleinen Stadt in der Oblast Kostroma im Westen Russlands (rund 1000 Kilometer westlich von St. Petersburg), arbeitet er als Fotograf und - wie einst sein Vater - als Schriftsteller. Beim Shooting in einer Papierfabrik erzählt ihm sein Auftraggeber und Freund Miron (Yuriy Tsurilo) vom Tod seiner Frau Tanja, die auch Aist sehr nahe stand. Er bittet den Fotografen, ihn bei einem alten Ritual zu unterstützen. Gemeinsam begeben sie sich auf die Fahrt an einen Fluss, an dem Miron und Tanja einst glückliche Zeiten verbrachten. Sie wollen die mit Wodka reingewaschene Leiche dort verbrennen und auf einem Floß dem Wasser übergeben.
"Owsjanki" heißt der Film im Original, die russische Bezeichnung für die Vogelart Ammern, von denen Aist zu Beginn aus einem spontanen Antrieb heraus zwei kauft. Es muss ein Pärchen sein, weil - das erklärt ihm der Verkäufer - die Tiere alleine nicht überleben könnten. Die Vögel sind nicht nur Symbol, eines von mehreren in diesem nur 77 Minuten langen Werk, sie werden am Ende auch eine Funktion bekommen. Dennoch ist der englischsprachige Titel "Silent Souls" und die deutsche Übersetzung durchaus treffend. Stille Seelen verrät viel über das, was der Kinogänger zu erwarten hat. Fedorchenkos zuweilen fast verstörend ruhiges Werk ist ein verfilmter Totenritus.
Untermauert wird das durch die traurige Flüsterstimme, mit der Sergeyev die Geschehnisse aus dem Off kommentiert und sich an Aists Kindheit erinnert. Karge, in Nebel getauchte Landschaften sind da zu sehen und immer wieder Pfützen auf den Straßen. Wasser ist das zweite noch viel größere Symbol des Filmes. Das Leben fließt dahin, unaufhörlich und unbeeindruckt von Existenzen. Miron und Aist brauchen auf ihrer Reise nicht viele Worte, gelegentlich "raucht" der Witwer - ein Teil des Rituals: erotische Erzählungen aus dem Zusammenleben mit der Verstorbenen, die erst nach dem Tod ausgesprochen werden. Als der Abschied vollzogen ist und sich die Freunde zwei Frauen hingeben, heißt es, auch der weibliche Körper sei wie ein Fluss, man könne nur nicht in ihm ertrinken.
Die sinnliche Reise, auf die Fedorchenko seine Helden schickt, erzählt geradlinig eine Geschichte von im Einheitsbrei zerbröselnder Kulturen. Durch die Musikuntermalung wird der Film zu einem kleinen Trip. Die internationale Kritik klatschte Beifall und bedachte Stille Seelen in Venedig auch mit ihrem gleichnamigen Preis. So manchem dürfte er trotzdem genauso fremd bleiben wie das riesige russische Reich jenseits von Moskau.