Bei Alzheimer handelt es sich um eine degenerative Erkrankung des Gehirns, während der allmählich das Gedächtnis verloren geht und der Mensch mitsamt seiner Persönlichkeit dahinschwindet. Am Ende steht unausweichlich der Tod. Dokumentarfilmer David Sieveking zeichnete in Vergiss mein nicht sowohl den Verlauf dieser Krankheit bei seiner eigenen Mutter auf, als auch das neue Miteinander, das auf Basis der Erforschung der Vergangenheit entstand. Daraus ging ein ebenso berührendes wie intimes Familienzeugnis hervor, dessen große Ehrlichkeit und Offenheit nicht überall auf Gegenliebe stoßen könnte.
Ja, darf man das denn? Ist das noch vertretbar, das Leid eines nahe stehenden und geliebten Menschen zum Thema eines Films zu machen? Was kann da das Ziel sein - etwa eine Art Betroffenheitsdokumentation zu schaffen? Filmemacher, die intime Einblicke in ihr Privat- und Familienleben gewähren, machen sich damit auch sehr angreifbar. Schließlich eröffnen sie der Öffentlichkeit den Zugang zu Dingen, die sonst nur wenigen Vertrauten vorbehalten waren. Zudem haftet der Vorgehensweise mitunter etwas Anrüchiges an, so als wollten sie sich mit dieser Form von Provokation mit Nachdruck ins Gespräch bringen.
Dieses völlig zu widerlegen, wird kaum möglich sein. Letzten Endes drehen Regisseure schließlich Filme nicht für die Schublade. Dennoch ist es in erster Linie mutig, einen Weg zu beschreiten, bei dem derart viel Persönliches entblößt wird. Und letzten Endes entscheidet vor allem die Vorgehensweise darüber, ob solch ein Film mit dem notwendigen Respekt und ohne Verlust der persönlichen Würde realisiert wurde. David Sieveking, der mit seinem Kinoerstling, der Doku David Wants to Fly bereits einiges Aufsehen für sich verbuchen konnte, legt nun mit Vergiss mein nicht ein äußert intimes Familienportrait vor, in dessen Mittelpunkt seine an Alzheimer leidende Mutter Gretel steht.
Alles nimmt damit seinen Anfang, dass Sieveking eines Tages während eines Besuches bei seinen Eltern feststellt, dass es an der Wand vor Merkzetteln nur so wimmelt. Bei seinem nächsten Besuch zu Weihnachten scheint seine Mutter plötzlich vergessen zu haben, dass Heiligabend ist und serviert Suppe anstelle des üblichen Festschmauses. Wenig später beginnt sie bereits Angehörige nicht mehr wiederzuerkennen und selbst das Haus, in dem sie seit vielen Jahren lebt, wird ihr fremd. Sieveking belässt es in seinem Film jedoch nicht darauf, einzig den Verlauf und die Stadien der Erkrankung seiner Mutter zu dokumentieren. Vergiss mein nicht ist nicht die Chronik einer Leidensgeschichte, die sich ohnehin zwangsläufig in den Bildern widerspiegelt. Und auch die medizinische Seite dieses unheilvollen Verfalls bleibt weitestgehend außen vor. Seine Dokumentation handelt schlussendlich nicht einmal vom Verlust. Vielmehr ist es eine Reise über das Vergessen zu einem tieferen Verständnis und zu bedeutungsvollen Einsichten über die Beziehung seiner Eltern.
Angesichts dessen, dass Sieveking weder in der Lage ist, sich mit seiner Mutter über das Heute, da es sich augenblicklich auflöst, noch über das Morgen zu unterhalten, das sich im Kopf seiner Mutter überhaupt nicht mehr abbilden kann, muss er zwangsläufig über das, was war, einen neuen Zugang zu ihr finden. Auf diese Reise, die über das Eintauchen in das bewegte Leben seiner Eltern hinaus auch eine zu seinen eigenen Ursprüngen ist, nimmt der Regisseur das Publikum dankenswerterweise mit. Dieses wird eingeladen, als gehöre es zum Freundeskreis und erfährt viel, teilweise auch Pikantes, was sonst vielleicht nur einem engen Kreis offenbart werden würde: über Malte Sieveking, den ehemaligen Universitätsprofessor und Weltenbummler, der sich nach seinem Ruhestand ausgiebig der mathematischen Forschung widmen und viel reisen wollte, seine Frau aber seit der Erkrankung aufopfernd pflegt; und über Gretel Sieveking, die studierte Linguistin und linke Aktivistin, die einen anderen Mann innig liebte und für ihren Mann stets ein kleines Mysterium blieb. Unvermeidlich stellt sich mit der Zeit dabei ein Stückweit auch das Gefühl ein, Homevideos zu betrachten, die oft viel Triviales wiedergeben.
Der wichtigste Aspekt, der in Vergiss mein nicht aber deutlich hervortritt, ist vor allem die Liebe füreinander und der Zusammenhalt der Familie, besonders als Gretels Erkrankung drastisch fortzuschreiten beginnt. Damit ist der Film gleichsam ein starkes Plädoyer für ein würdiges Sterben im Kreis seiner Lieben und der Bewahrung der Erinnerung - schließlich kann eine Welt ohne Gedächtnis nicht Bestand haben - als auch eines der Enttabuisierung dieser heimtückischen Krankheit. Wobei möglicherweise nicht jeder dieses Maß an Offenheit als "angemessen" erachten könnte.