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Stanley Kubricks geniale Gesellschaftssatire war definitiv einer der umstrittensten Filme der 70er Jahre. Besonders wurde er wegen seiner angeblich fragwürdigen Moral und seiner damals noch schockierenden Gewaltdarstellung attackiert. Tatsächlich ist Clockwerk Orange aber ein grandioses Meisterwerk und ein Meilenstein der Filmgeschichte, das enorm stylish, absurd witzig und grotesk eine spannende und originelle Geschichte erzählt, die auch nach fast 40 Jahren an ihrer Relevanz und Brisanz kein Stück verloren hat.
1962 veröffentlichte Anthony Burges seinen Roman Clockwerk Orange. Das Buch avancierte schnell zum Bestseller und so kam es, dass sich neun Jahre später der legendäre Regievirtuose Stanley Kubrick (Full Metal Jacket) des Stoffes annahm, um ihn auf die Leinwand zu bringen. Wie so oft bei Romanverfilmungen unterscheidet sich auch bei Clockwerk Orange der Film teils erheblich vom Buch. Besonders interessant ist dabei, dass es zwei Buchfassungen gibt. Die Amerikanische und die Englische haben verschiedene Enden. Der Verlag, der das Buch in den USA verlegte, strich das letzte Kapitel, sodass dieses nur in England erschien. Da Kubrick die amerikanische Fassung des Buches als Vorlage für seinen Film nahm, fehlt das ursprünglich von Burges verfasste Ende. Dieser war selbst von dem Film begeistert und lobte ihn als brillant, das Fehlen seines Endes ärgerte ihn jedoch immer wieder, wobei er dafür nicht Kubrick, sondern dem Verlag die Schuld gab.
Clockwerk Orange gehört zu den großen Skandalfilmen der Filmgeschichte. Zwar reicht sein Skandalpotenzial nicht an das anderer kontroverser Filmklassiker der 70er wie etwa Die 120 Tage von Sodom heran, wegen seiner zwiespältigen moralischen Aussage und seiner Gewaltdarstellung geriet er jedoch immer wieder ins Kreuzfeuer von Kritikern und Moralaposteln. Zahlreiche Rufe nach einem Verbot wurden laut, die amerikanische katholische Kirche setzte den Film sogar auf einen Index, der Gläubigen das sehen des Filmes verbot. Stanley Kubrick selbst nahm Clockwerk Orange kurz nach dem Start aus lange Zeit unbekannten Gründen wieder aus den Kinos. Erst später drang an die Öffentlichkeit, dass die Polizei Kubrick zu einem Aufführungsstopp gedrängt haben soll.
Tatsächlich ist der Stoff von Clockwerk Orange durchaus brisant. Die offen vorgetragene Gesellschaftskritik, die besonders auf die Macht des Staates und seine Instrumente zielt, dürfte damals vielen zu unbequem gewesen sein. Die Auswirkungen des Systems auf die Persönlichkeitsentwicklung des Individuums ist ein Thema von ständiger Aktualität. Schon Burges lehnte sich mit seiner Sozial- und Systemkritik in seiner Vorlage weit aus dem Fenster, Kubricks Visualisierung macht die komplexe Geschichte um den jungen Rebellen Alex natürlich noch viel plastischer greifbar und spart dabei nicht an einer schonungslosen Gewaltinszenierung. Dabei wird gezielt durch den Einsatz von Musik eine besondere Intensität in den Gewaltszenen erreicht. Ein Beispiel hierfür ist eine Szene zu Beginn des Filmes, in der Alex mit seiner Gang, den Droogs, in das Haus eines Autors einbrechen, ihn brutal zusammenschlagen und Alex, während er zusammen mit seinen Freunden die Frau des Schriftstellers vergewaltigt, gutgelaunt "I'm singing in the rain" singt. Unabhängig davon, wie man die in Clockwerk Orange dargestellte Gewalt interpretieren will, ist es in Zeiten von Gewaltorgien wie den Saw-Filmen und Hostel ohnehin vollkommen absurd, dem Film noch Gewaltverherrlichung vorzuwerfen. Zu abgehärtet ist der Zuschauer von heute, sodass die damalige Empörung heute weitestgehend unverständlich ist und vollkommen überzogen wirkt. Was bleibt ist die Frage nach der moralischen Aussage des Filmes. Zwar kann den Gewaltszenen unabhängig von ihrer Härte sicherlich eine "verherrlichende" Inszenierung vorgeworfen werden, doch wird diese schnell als Stilmittel deutlich und schließlich für die Gesamtwirkung des Filmes unverzichtbar. Im Gesamtschluss ist Kubricks Aussage eindeutig, sodass sich die Frage nach der moralischen Vertretbarkeit vollkommen erübrigt.
Neben seiner stylishen Inszenierung begeistert Clockwerk Orange besonders durch seinen außergewöhnlichen Humor. Dazu trägt besonders die eigene Sprache der "Droogs" bei. Dabei orientieren sich die Schauspieler in ihren Dialogen und Alex, als Ich-Erzähler, sehr nah an dem Slang des Buches. Um den Film zugänglicher zu machen, wurde die Verwendung der Filmeigenen Sprache im Verhältnis zum Buch auf ein Minimum reduziert. Auch ohne Vorkenntnisse sind jedoch im Zusammenhang auch eher ungewöhnliche Wortschöpfungen problemlos verständlich. Ein weiteres besonders charakteristisches Element des Filmes ist der nahezu exzentrische Einsatz von klassischer Musik, allen voran natürlich der genialen Kompositionen Beethovens. Wie Kubrick über den Soundtrack Clockwerk Orange seinen verrückt genialen, irrwitzigen Charakter verleiht, ist einfach nur grandios.
Clockwerk Orange ist einer der stärksten Filme Kubricks und wurde zu recht zum Klassiker. Zum Glück haben sich inzwischen alle Diskussionen und Indizierungswünsche auch in Deutschland gelegt, sodass er heute mit einer FSK 16 Freigabe in den Regalen steht. Gott sei Dank! |