Bildschön und aufregend: Die frei erfundene Geschichte hinter einem der berühmtesten Gemälde des holländischen Malers Jan Vermeer wurde von Peter Webber unglaublich spannend und kunstvoll in Szene gesetzt. Colin Firth und Scarlett Johansson beweisen mit wenigen Worten, aber viel Ausdruck ihre große schauspielerische Klasse.
Die junge Magd Griet kommt in den Haushalt des angesehenen Malers Jan Vermeer. Dort wird sie mit der Eifersucht seiner Frau konfrontiert, da der Künstler in Griet ein gewisses Gespür für die Malerei entdeckt und von ihr inspiriert wird. Soviel zur Handlung. Was für einen abendfüllenden Film eigentlich recht dürftig erscheint, ist hier genialerweise absolut genug Stoff, um den Zuschauer zu fesseln. Natürlich spitzen sich die Konflikte zwischen der Hausherrin und der Magd zu, und ein unliebsamer Verehrer - großartig schmierig gespielt von Tom Wilkinson - macht Griet das Leben zur Hölle, aber sonst passiert reichlich wenig.
Doch trotz all der Ruhe und Statik der Bilder und trotz weniger, dafür vielsagender Dialoge entsteht eine Spannung, die bis zum Ende anhält. Man spürt förmlich das Knistern, das in der Luft liegt, wenn der eigensinnige Vermeer der Magd erst beim Saubermachen zusieht und sie dann in die hohe Kunst der Farben einführt. Hier zeigt sich die Klasse der beiden Hauptdarsteller Colin Firth und Scarlett Johansson, die ihre emotionale Aufgewühltheit wunderbar im Inneren austragen und sich nur durch kleine Gesten offenbaren.
Obwohl man sich am Gesicht der Newcomerin ein wenig satt sieht, macht sie sich als introvertiertes Hausmädchen ganz gut. Sie schafft es durch ihre bescheidene Zurückhaltung, große Sympathie zu erzeugen. Und obwohl sich ihre Miene nur selten ändert, lässt sich doch jede Gefühlsregung in ihren Augen lesen. Aufgrund ihres sozialen Standes bleibt Griet kaum eine Wahl für ihr Handeln. Sie ist immer die Untergebene und fügt sich kommentarlos ihrem Schicksal, egal, ob fair oder unfair.
Genau diese Eigenschaft war es wohl auch, die dem berühmten holländischen Maler zu seinem schönsten Meisterwerk verhalf. Das Bild vom Mädchen mit dem Perlenohrring gibt es tatsächlich, doch die Geschichte hinter dem Modell ist von der Bestsellerautorin Tracy Chevallier frei anhand von historischen Eckdaten erfunden. Trotzdem hat man den Eindruck, dass der wahre Hintergrund genau so gewesen sein muss, was wohl stark an der bereits genannten Handlungsabwesenheit, und somit Glaubwürdigkeit, liegen mag.
Das größte Lob verdient jedoch Erstlingsregisseur Peter Webber. Unterstützt von einem außerordentlich stimmigen Soundtrack lässt er seine Figuren in moderatem Tempo agieren, wodurch sie wie Teile eines Gemäldes wirken, die nur zufällig auch die Möglichkeit haben, sich vom Platz zu bewegen. Und doch kommen sie immer wieder im Rahmen zum Stillstand. Ebenso werden Vermeers andere Kunstwerke dezent und originalgetreu in die Szenen eingebaut, und deren Farben bestimmen den ganzen Film. Webber hat mit seinem Leinwanddebüt etwas Herausragendes geschaffen: Einen Film, der so bildschön und ausdrucksstark ist wie das Gemälde, das ihm Modell stand.