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Mit wuchtigen Bildern und einem hervorragenden Hauptdarsteller erzählt Regisseur Fatih Akin die Geschichte von Sibel und Cahit, zwei Deutsch-Türken, die nach missglückten Selbstmordversuchen eine Scheinehe eingehen und in eine überaus verhängnisvolle Beziehung hineinrutschen. Beeindruckt der preisgekrönte Film formal auf ganzer Ebene, so scheitert er dort, wo Sensibilität und Nachdenklichkeit angebracht wären: bei den Gefühlen wirklicher Menschen und ihren Problemen mit der eigenen kulturellen Identität.
Noch heute sehe ich Yasemins Gesicht vor mir: dunkle Haare, dunkle Augen, lange Wimpern und einen lächelnden Zug um den Mund. Ein hübsches türkisches Mädchen, das sich in einen deutschen Jungen verliebt und dadurch ihre Familie entehrt, Schande über sie bringt und schließlich den zu befürchtenden Repressalien entfliehen muss. Eine wunderbar einfühlsame Geschichte über zwei Kulturen in einer Brust, über zwei Herzen im Gleichklang, über Zartgefühl und Nähe, über Sehnsucht und aufrichtige Bedürfnisse. Menschen unter Menschen eben, wahr und wahrhaftig. Ja, das war Yasemin von Hark Bohm, war, damals: Bundesfilmpreis in Gold, völlig zu Recht.
Gegen die Wand stapft in eine ähnliche Richtung. Wieder möchte eine türkische Frau aus der kulturellen Enge ausbrechen, möchte leben (was sie so leben nennt), möchte in Hamburger Diskotheken tanzen, Drogen nehmen, ihren Kopf in jeden dunklen Wandschrank stecken - und vor allem ficken. Sorry, aber ich zitiere nur! Auf der Berlinale wurde der Film euphorisch gefeiert und mit einem Goldenen Bären geehrt - was einen Flächenbrand in der Presse entfachte, schließlich hat die Hauptdarstellerin, Sibel Kekilli, sehr eindringliche Erfahrungen mit Großaufnahmen in diversen Hardcore Pornos gesammelt.
Nach einem Selbstmordversuch landet Sibel (ja, sie heißt auch im Film so!) in der Psychiatrie und lernt dort Cahit kennen. Nach eigener Aussage, ein runtergekommener Penner, verloddert und ständig besoffen, und damit trifft er absolut ins Schwarze. Auch er dem Tode gerade knapp entronnen, mit dem Auto frontal gegen eine Betonmauer gerast, ohne Bremsspuren.
Sibel bittet Cahit (der einen deutschen Pass hat), sie zu heiraten. Sie bittet und bettelt und fleht verzweifelt, und schlitzt sich vor seinen Augen die Pulsadern in einer Kneipe auf. Na dann, da kann man ja nicht anders: Cahit lässt sich breitschlagen. Die beiden Scheinturteltauben geben sich vor Gott das Ja-Wort und ziehen in des Meisters urgemütliche Zweizimmer-Kaschemme ein - von Vater und Mutter und der ganzen getäuschten Hochzeitsschar mit den besten Wünschen gesegnet. Türke zu Türkin, so ist's brav, so soll es sein.
Sibel und Cahit ficken nicht miteinander. Sibel nimmt ihren Angetrauten bestenfalls zum Tanzen mit und schnappt sich dann einen anderen, den sie ficken kann. Und Cahit fickt mit einer Bekannten (aber hallo!). So ungefähr läuft das ab; melodielos knirscht die Nadel über das zerkratzte Vinyl. Bis sich Cahit und Sibel ineinander verlieben. Warum eigentlich? Und bis Cahit dann vor Eifersucht einem Typen (mit dem Sibel mal gefickt hat) mit dem Aschenbecher das Licht ausknipst und in den Knast kommt.
Sibel geht nach Istanbul und verdingt sich für kurze Zeit als Zimmermädchen. Dann hat sie genug vom öden Alltag und lebt wieder: nimmt Drogen, liegt irgendwo bewusstlos auf dem Linoleum und wird hinterrücks von einem Kerl - na, ihr wisst schon. Schließlich wird sie in einer Seitengasse niedergestochen. Jahre später kommt Cahit frei, fliegt schnurstracks nach Istanbul und trifft sich mit seiner Perle, die mittlerweile ein Kind hat, in einem Hotelzimmer. Was sie dort machen, kann sich jeder selbst ausmalen. Cahit will mit ihr und dem Kind fortgehen. Er wartet am nächsten Tag im Bus. Aber Sibel kommt nicht. Vermutlich kommt sie woanders.
Habe ich was vergessen? Egal. Vielleicht dies noch: Regisseur Fatih Akin (Im Juli, Solino) hat Talent, keine Frage, wuchtig und krass, mitunter virtuos. Ebenso der äußerst präsente Hauptdarsteller, Birol Ünel (Im Juli), für mich DIE Entdeckung des Films. Aber sonst?! Viel Lärm um wenig. Die ganze Liebesgeschichte stinkt von vorne bis hinten und ich glaube nichts davon, keine einzige Silbe dieser grobschlächtigen Streicheleinheit. Die Seele fehlt. Das Gefühl. Irgendwo habe ich in diesem Zusammenhang gar das Wort "romantisch" gelesen. Ach du liebes Bisschen!
Wer gerne schaut, der bekommt in 116 Minuten viel geboten. Wer hingegen mitfühlen und nachdenken und hinterfragen möchte, von verstehen ganz zu schweigen, der muss wohl den Gang in die Videothek antreten und dort nach Yasemin fragen. Wahrscheinlich vergeblich. Leider. |