Solitude ist ein Beispiel dafür, wie man einen vielversprechenden Stoff und ein hochkarätiges Darstellerensemble mit Bravour gegen die Wand fährt. Der an sich interessante Grundgedanke wurde träge und uninspiriert umgesetzt, wobei man sich streckenweise an mäßige amerikanische Fernsehserien erinnert fühlt. Das wenig logische Ende und die pseudointelligenten Erkenntnisse sorgen dafür, dass man schnell verdrängt, ihn überhaupt gesehen zu haben.
Ryan Gosling, Kevin Spacey, Michelle Williams, Don Cheadle, Chris Klein - Die Besetzung, mit der Regisseur Matthew Ryan Hoge (Self Storage) in seinem zweiten Spielfilm aufwartet, ist beeindruckend und wird jeden Filmfan neugierig machen. Man muss an dieser Stelle natürlich auch anmerken, dass besonders Ryan Gosling und Michelle Williams (beide zusammen später in Blue Valentine zu sehen) damals noch keine großen Namen waren. So oder so ist die Besetzung aber hochkarätig und nicht zuletzt deshalb ist es umso erstaunlicher, wie schwach Solitude geworden ist.
Die Ausgangssituation ist relativ vielversprechend. Wie alle Beteiligten ist auch der Zuschauer interessiert daran, weshalb der gutmütig und sympathisch wirkende Leland einen autistischen Jungen tötet. Doch bereits hier schwächelt der Film. Der Mord wird nur angedeutet und kurz darauf wird der Zuschauer in kürzester Zeit mit vielen Figuren konfrontiert, die dem engeren oder weiteren Kreis der Familie des Opfers, beziehungsweise dem direkten Umfeld des Täters entspringen, wobei sich beide überschneiden. Vor allem durch die nur schwach angedeutete Tat werden viele Zuschauer ohne Vorkenntnis der Geschichte unter Umständen Schwierigkeiten haben, ins Geschehen zu finden und die Charaktere zuzuordnen. Diese Distanz zu den Figuren kann leider während der gesamten Spielzeit nicht überwunden werden, was dafür sorgt, dass einem alle Beteiligten erstaunlich egal sind. Besonders problematisch wird dies in den unnötig sentimentalen Momenten, die direkt einer amerikanischen Frauenfernsehserie im Stile von Private Practice entstammen könnten; beispielsweise wenn sich, überwältigt von der Tragik des Lebens, zwei Frauen weinend zu theatralischer, weichgespülter Popmusik in den Armen liegen.
Leland selbst wird von dem damals zwar schon 23-jährigen, aber erstaunlich jung aussehenden Ryan Gosling gewohnt ruhig und minimalistisch gemimt - was perfekt für diese mysteriöse Figur ist. Leider ist dieser Leland aber nicht halb so spannend, wie es sich die Macher wohl erhofft haben. Er ist intelligent und denkt viel nach, wobei seine Gedanken zwar herrlich schwelgerisch und melancholisch sind, jedoch keinen übermäßig tiefgreifenden Gehalt haben. Das wirklich Besondere an Leland ist, dass er aus unerklärlichen Gründen einen behinderten Jungen erstochen hat - aber reicht das wirklich für eine komplexe Figur aus? Wirklich faszinierend ist das alles nicht. Mit einer ausführlichen Charakterzeichnung hätte Matthew Ryan Hoge seinen Film auch in eine brauchbare Richtung lenken und tatsächlich das Psychogramm eines jungen Mannes, der völlig unerklärlich ein auf den ersten Blick verabscheuungswürdiges Verbrechen verübt, erstellen können. Gegen Ende wird dann genau das versucht, doch auch dann kann der inzwischen durch die zahlreichen Längen schon ein wenig ermüdete Zuschauer keine besonderen Erkenntnisse aus den amerikanisch-oberflächlichen Platitüden zum Thema Schuld und Moral gewinnen.
Im wesentlichen lässt sich der gesamte Cast auf Don Cheadle und Ryan Gosling reduzieren, zwischen ihnen spielt sich der interessante Teil der Handlung ab; zumindest wäre dem so, würde dieser Teil nicht so uninspiriert nach Schema F vor sich dahin plätschern. Dann gibt es da aber noch eine dritte Figur im Spiel: Kevin Spacey. Er ist insgesamt nur wenige Male zu sehen und hat so gut wie keinen Einfluss auf die Handlung. Es wirkt, als hätte Spacey, der auch als Produzent tätig war, dem Regisseur sich selbst in einer kleinen Nebenrolle versprochen, aber nur einen Drehtag Zeit gehabt. Dennoch sind die Szenen mit ihm mitunter die besten im Film, wobei besonders das erste Aufeinandertreffen zwischen ihm und Don Cheadle positiv auffällt.
Ein weiteres Problem ist, dass die Macher sich in Milieus vorwagen, mit denen sie offensichtlich nie Berührungspunkte hatten und scheinbar auch nicht über die entsprechenden Fähigkeiten verfügten, sich in eben diese hineinzuversetzen. So haben sie wohl eine eher realitätsferne Vorstellung davon, wie Heroinabhängige aussehen oder wie es in einem Jugendknast vor sich geht. Besonders die Heroinabhängigkeit von Lelands (Ex-)Freundin gehört zum Unglaubwürdigsten überhaupt. So wie die Wirkung ihrer angehenden Sucht dargestellt wird, könnte man auch vermuten, dass sie von TicTacs abhängig ist.
State of Mind, so der Originaltitel, erscheint in Deutschland unter dem merkwürdigen Titel Solitude - Die geheimnisvolle Welt des Leland Fitzgerald. Warum man den Titel so unsinnig änderte und was das alles mit einem Stuttgarter Stadtteil zu tun hat, bleibt offen. Am Ende ist es aber auch egal, denn obwohl Solitude inzwischen tatsächlich seine Fans gefunden hat, wird er für die meisten absolut entbehrlich sein.